14. März 2026
14. März 2026
09:05

Ein Reisebericht 1986

Ich erinnere mich an diese Reise, als wäre sie gestern gewesen. Dabei ist sie inzwischen vierzig Jahre her. Die Tickets für die Fähre hat man im Reisebüro gebucht und ausgedruckt in die Hand bekommen. Unsere Tochter hat während der Fahrt in einem ADAC-Sicherheitsbett auf der Rückbank im Auto geschlafen, weil es Maxi-Cosis oder Ähnliches noch nicht gab.

Wenn ich heute daran denke, kommt mir vieles fast unwirklich vor – nicht nur wegen der Entfernung in der Zeit, sondern auch wegen der Art, wie man damals gereist ist. Heute steigt man ins Auto, tippt ein Ziel ins Navi, und die Technik erledigt den Rest. Damals war das anders. Damals war Reisen noch Planung, Vorbereitung, manchmal auch ein bisschen Mut – und oft ein kleines Abenteuer.

Unsere Reise begann in Feucht bei Nürnberg. Ich war damals 28 Jahre alt, Angela 30, und unsere Tochter Jana gerade einmal fünf Monate alt. Ein winziger Mensch, der noch kaum wusste, wie groß die Welt eigentlich ist – und der trotzdem schon auf dem Weg zu einer Mittelmeerinsel war.

Wenn ich heute darüber nachdenke, schüttle ich manchmal selbst den Kopf. Mit einem fünf Monate alten Baby mehrere tausend Kilometer fahren, über die Alpen, durch Italien und dann noch mit der Fähre auf eine Insel. Aber damals erschien uns das gar nicht so verrückt. Es war einfach das, was wir tun wollten.

Und ehrlich gesagt: Genau so beginnt jede gute Geschichte.

Die Vorbereitungen

Die Reise begann eigentlich schon Wochen vorher. Angela war diejenige, die alles plante. Ich war eher der Typ „Das wird schon irgendwie passen“, aber Angela hatte einen ganz anderen Ansatz. Sie schrieb Listen. Viele Listen. Der Küchentisch war irgendwann übersät mit Zetteln. 
„Was nehmen wir mit?“ „Was braucht Jana?“ „Was brauchen wir fürs Camping?“ „Was brauchen wir für die Fahrt?“

Jeder Punkt wurde überlegt. Heute klickt man im Internet schnell ein paar Dinge zusammen oder kauft unterwegs alles nach. Damals war das anders. Wenn man etwas vergessen hatte, konnte das unterwegs wirklich ein Problem werden.

Also planten wir gründlich. Unser roter VW Passat Kombi war unser treuer Begleiter. Kein Luxusauto, kein Geländewagen – einfach ein solides Familienauto mit erstaunlich viel Platz. Zumindest dachten wir das am Anfang. Denn sobald wir anfingen zu packen, wurde klar: So ein Kombi kann erstaunlich schnell voll werden.

Das Zelt

Ein zentraler Bestandteil unserer Reise war unser Puch-Zelt. Ein echtes Steilwandzelt, orange und schwarz. Stabil, groß, fast wie ein kleines Haus aus Stoff. Wer damals gecampt hat, kennt diese Zelte. Sie waren robust und schwer – und sie brauchten Platz. Sehr viel Platz. Deshalb lag das Zelt nicht im Kofferraum, sondern in einer Dachbox auf dem Passat. Am Abend vor der Abfahrt stand ich auf der Einfahrt und befestigte alles sorgfältig. Ich zog die Gurte fest, überprüfte die Verschlüsse und rüttelte noch einmal an der Box. Angela stand daneben und beobachtete mich. „Wenn das unterwegs runterfällt“, sagte sie trocken, „dann fahren wir gleich wieder nach Hause.“ Ich lachte. „Das fällt nicht runter.“ Trotzdem kontrollierte ich alles noch einmal.

Packen für drei – mit Baby 

Der Kofferraum des Passat füllte sich schnell. Campingkocher. Geschirr, Töpfe, Klappstühle, Luftmatratzen, Schlafsäcke. Dann kam Janas Ausrüstung. Eine Tasche mit Kleidung. Eine Tasche mit Windeln. Eine Tasche mit Fläschchen und Babynahrung. Angela hatte sogar eine kleine Babybadewanne eingepackt. Ich sah in den Kofferraum und sagte: „Angela… wir fahren zwei Wochen, nicht zwei Jahre.“ Sie lächelte nur. „Du wirst sehen, wir brauchen alles.“ Und wahrscheinlich hatte sie recht.

Karten statt Navi

Wenn ich heute erzähle, dass wir ohne Navi gefahren sind, schauen mich viele Menschen erstaunt an. Aber damals gab es das einfach nicht. Wir hatten Straßenkarten. Große Papierkarten, die man auf dem Beifahrersitz auseinanderfaltete und wieder zusammenfalten musste – was übrigens eine Wissenschaft für sich war. Angela war unsere Navigatorin. Deutschland. Österreich. Italien. Jede Strecke hatten wir vorher studiert. „Hier fahren wir über den Brenner“, sagte Angela und zeigte auf die Karte. „Und hier müssen wir Richtung La Spezia.“ Heute sagt eine Computerstimme: „In 300 Metern rechts abbiegen.“ Damals sagte Angela: „Ich glaube, hier war das.“

Geld für drei Länder

Ein weiterer Unterschied zu heute: die Währungen. Heute bezahlt man fast überall mit Euro. Damals brauchte man für jedes Land eine andere Währung. Deutsche Mark. Österreichische Schilling. Italienische Lire. Französische Francs – für Korsika. Angela hatte alles in verschiedene Briefumschläge sortiert. Jeder Umschlag war beschriftet. „Österreich“ „Italien“ „Frankreich“ Ich fand das zunächst ein bisschen übertrieben. Bis ich einmal an einer Mautstation stand und merkte, dass man nicht ewig Zeit hat, um nach dem richtigen Geld zu suchen. Dann war ich plötzlich sehr froh über diese Umschläge. Außerdem hatten wir Euro-Schecks im Rucksack – damals eine Art Sicherheitsnetz, falls man unterwegs Geld brauchte.

Der Morgen der Abfahrt

Der Morgen unserer Abreise war ruhig. Es war noch früh, als ich den Passat startete. Der Motor sprang sofort an. Ein gutes Zeichen. Ich stieg noch einmal aus und ging um das Auto herum. Reifen – in Ordnung. Dachbox – fest. Lichter – funktionieren. Angela kam aus dem Haus, Jana im Arm. Unsere Tochter schlief noch tief und fest. „Bereit?“ fragte sie. Ich nickte. „Bereit.“

Die Fahrt Richtung Süden

Die ersten Stunden der Fahrt vergingen ruhig. Die Autobahn Richtung München war noch relativ leer. Jana schlief die meiste Zeit. Angela saß neben mir und hatte die Karte auf den Knien. „Wenn wir gut durchkommen“, sagte sie, „sind wir morgen früh in La Spezia.“ La Spezia war unser Ziel, denn dort sollte die Fähre nach Korsika ablegen. Und diese Fähre war etwas Besonderes. Sie war gelb. Die Corsica Ferries. Schon der Gedanke daran fühlte sich nach Urlaub an.

Über die Alpen

Die Landschaft wurde immer beeindruckender. Die Alpen tauchten am Horizont auf. Die Straßen wurden kurviger. Der Passat musste jetzt ein bisschen arbeiten. Der Motor brummte tapfer, während wir über den Brennerpass fuhren. Angela öffnete das Fenster. Warme Luft strömte herein. „Es riecht nach Süden“, sagte sie. Ich wusste genau, was sie meinte.

La Spezia

Als wir La Spezia erreichten, war es bereits Abend. Der Hafen war voller Lichter. Große Fähren lagen im Wasser, Lastwagen rollten über Rampen, überall hörte man italienische Stimmen. Angela hielt Jana im Arm und zeigte auf ein großes gelbes Schiff. „Das ist sie.“ Die Corsica Ferries. Morgen würden wir damit auf eine Insel fahren, die wir nur aus Reiseführern kannten.

Die Überfahrt

Am nächsten Morgen begann das Boarding. Autos rollten langsam über die Rampe in den Bauch des Schiffes. Als wir an der Reihe waren, fuhr ich den Passat vorsichtig hinein. Angela sah mich an. „Jetzt geht es wirklich los.“ Um 08:00 Uhr legte die Fähre ab. Wir standen an Deck und sahen zu, wie La Spezia langsam kleiner wurde. Das Meer war ruhig. Die Sonne stand schon hoch. Jana schlief in Angelas Armen.

Korsika

Nach einigen Stunden tauchte am Horizont Land auf. Zuerst nur ein dunkler Streifen. Dann Berge. Korsika. Eine wilde Insel, die direkt aus dem Meer aufzusteigen schien. Um 14:00 Uhr liefen wir in den Hafen von Bastia ein. Als wir von Bord fuhren, traf uns sofort die Wärme. Nicht diese trockene Hitze wie zuhause. Sondern eine weiche, mediterrane Wärme. Angela atmete tief ein. „Das riecht nach Urlaub.“

Der erste Sprung ins Meer

Die Straße führte entlang der Ostküste nach Süden. Unser Ziel war Solenzara. Dort warteten Freunde auf uns. Doch vorher passierte etwas, das ich nie vergessen werde. Wir sahen eine kleine Bucht. Kristallklares Wasser. Heller Sand. Angela sagte nur ein Wort: „Anhalten.“ Ich parkte den Passat. Wir liefen zum Strand. Der Sand war warm. Das Wasser glitzerte. Ich zog Schuhe und Hemd aus und rannte hinein. Der erste Sprung ins Mittelmeer. Das Wasser war kühl, klar und unglaublich erfrischend. Als ich wieder auftauchte, lachte ich. Angela stand mit Jana am Strand und grinste. Und?“ rief sie. Ich antwortete: „Jetzt sind wir wirklich angekommen.“

Camping Côte des Nacres

Am späten Nachmittag erreichten wir schließlich Solenzara. Dort lag der Campingplatz Camping Côte des Nacres. Damals sah dieser Platz noch ganz anders aus als heute. Viele große Eukalyptusbäume spendeten Schatten. Wenn der Wind durch die Blätter strich, hörte man dieses leise Rascheln – ein Geräusch, das für mich bis heute nach Korsika klingt. Es gab eine kleine Alimentation, einen Laden, in dem man alles kaufen konnte, was Camper so brauchten. Brot. Käse. Wein. Und natürlich Baguette. Ein kleiner Spielplatz lag in der Nähe. Und nur wenige Schritte entfernt war ein wunderschöner Sandstrand. Unsere Freunde warteten bereits. Als wir auf den Platz fuhren, winkten sie uns zu. Angela lächelte. „Jetzt beginnt der Urlaub.“

Eine Erinnerung – und eine spätere Katastrophe

Viele Jahre später hörten wir, dass sich der Campingplatz stark verändert hatte. Ein schweres Unwetter hatte den Fluss Solenzara anschwellen lassen. An einer Brücke hatten sich Baumstämme gestaut. Der Druck wurde irgendwann so groß, dass alles zerborsten ist. Eine gewaltige Flutwelle aus Wasser, Holz und Geröll suchte sich ihren Weg. Der Fluss fand seinen alten Lauf zurück. Und die Hälfte des Campingplatzes wurde ins Meer gespült. Zum Glück geschah das nach der Saison. Sonst hätte es viele Opfer geben können. So ging es – Gott sei Dank – relativ glimpflich aus. Als wir damals ankamen, wussten wir davon natürlich noch nichts. Für uns war dieser Ort einfach ein kleines Paradies. Die Sonne stand tief über dem Meer. Die Luft war warm. Und irgendwo rauschten die Eukalyptusbäume. Unsere Reise hatte gerade erst begonnen.

Die Geschichte geht mehr als 40 Jahre weiter und wird, soweit es uns vergönnt ist, noch viele Jahre weitergehen. Heute mit unseren Töchtern und Enkelkindern.